Across the Galaxy · Band 12
Ohne Nummer
Ivo Renns GeschichteKapitel 01
Eine ordentliche Grenze
Ivo Renn war zehn Jahre alt, als die Grenze das erste Mal seine Familie bestahl.
Sie kam nicht mit Waffen. Sie trug eine saubere graue Uniform, sprach leise und roch nach dem scharfen Desinfektionsmittel der Zollhalle. Hinter ihr leuchtete das Emblem der Vesper-Sperre: drei silberne Monde auf schwarzem Grund. Darunter stand der Satz, den Ivo aus der Schule kannte.
ORDNUNG SCHÜTZT LEBEN.
Sein Vater hatte zwei Kisten mit Dichtungsringen aus dem Frachtschlitten geladen. Die Ringe waren unscheinbar, matt und so breit wie Ivos Hand. Ohne sie konnten die Pumpen im Agrardom von Eydra das salzige Grundwasser nicht aus den Nährleitungen halten. Vierhundert Familien lebten von der nächsten Ernte.
„Die Einfuhrgenehmigung ist gestern abgelaufen“, sagte die Beamtin.
JorJor Renn schob sein Terminal durch den Schlitz. „Die Fähre hatte drei Tage Verspätung. Die Genehmigung war gültig, als wir auf Meridian abgelegt haben.“
„Bei Ankunft muss sie gültig sein.“
„Dann verlängern Sie sie.“
Die Beamtin sah auf das Terminal, nicht auf ihn. „Nur die Behörde auf Meridian darf eine Meridian-Genehmigung ändern.“
„Die nächste Verbindung geht in elf Tagen.“
„Dann können Sie in elf Tagen einen neuen Antrag stellen.“
JorJor legte beide Hände auf den Tresen. Seine Finger waren rissig vom Kühlmittel der Pumpen. „In elf Tagen sind die Wurzelbecken tot.“
Zum ersten Mal hob die Beamtin den Blick. Für einen Moment lag darin etwas, das Ivo später als Scham erkennen würde. Dann erschien hinter ihren Augen wieder die Uniform.
„Ich kann die Vorschriften nicht ändern.“
Sie versiegelte die Kisten. Zwei Wachleute schoben sie in das beschlagnahmte Lager, wo sie zwischen Luxusalkohol, gefälschten Ersatzteilen und einer Palette verbotener Früchte verschwanden.
IvoAuf dem Heimweg fragte Ivo, ob die Frau böse sei.
„Nein“, sagte sein Vater.
„Aber sie hat die Ringe genommen.“
„Die Grenze hat sie genommen.“
„Eine Grenze hat keine Hände.“
Jor blieb unter einer der gelben Röhrenlampen stehen. Hinter der transparenten Wand der Verbindungsgalerie lag Eydra: ein kleiner Mond aus schwarzem Gestein, überzogen von Kuppeln, Leitungen und den weißen Narben alter Tagebaue. Am Horizont bewegte sich der Agrardom wie ein grüner Schatten unter Glas.
„Genau deshalb ist eine Grenze so praktisch“, sagte er. „Wenn sie etwas Falsches tut, behauptet jeder Mensch an ihr, er habe keine Hände.“
Die Wurzelbecken starben neun Tage später. Nicht alle. Jor und die anderen Techniker bauten Dichtungen aus stillgelegten Pumpen aus, schnitten Notringe aus weichem Kunststoff und arbeiteten in Schichten, bis ihre Augen rot waren. Dennoch verdarb fast die Hälfte der Ernte. Eydra importierte ein Jahr lang Nahrung zu Preisen, die sich viele Familien nur leisten konnten, wenn sie ihre Werkzeuge, Schmuckstücke oder Wohnrechte verkauften.
Ivos Mutter Sana arbeitete im Verwaltungsbüro des Doms. Abends saß sie am Küchentisch und rechnete aus, welche Rechnung warten musste. Strom konnte nicht warten. Wasser auch nicht. Die Rückzahlung für den Frachtschlitten schon, bis die Bank drohte, ihn zu sperren.
Ivo beobachtete, wie seine Eltern kleiner wurden, ohne sich körperlich zu verändern. Sein Vater sprach seltener. Seine Mutter faltete jede Zahlungsaufforderung zweimal, bevor sie sie in die Schublade legte, als könne Ordnung im Papier die Zahlen beruhigen.
Die beschlagnahmten Dichtungsringe wurden nach sechs Monaten vernichtet. Ivo sah den Eintrag im öffentlichen Zollregister. Die Behörde hatte festgestellt, dass ihre Materialzertifikate zum Zeitpunkt der Freigabe nicht mehr aktuell waren.
„Sie haben sie weggeworfen?“, fragte er.
Jor nickte.
„Obwohl wir sie gebraucht haben?“
„Gerade deshalb tut es weh.“
Ivo dachte lange über die Frau in der grauen Uniform nach. Er wollte nicht glauben, dass Systeme stärker waren als Menschen. Systeme wurden von Menschen gebaut. Also musste man nur die richtigen Menschen hineinsetzen.
Mit zwölf schrieb er in einem Schulaufsatz, er wolle Grenzpilot werden. Er werde dafür sorgen, dass Regeln ihren Zweck erfüllten. Seine Lehrerin gab ihm die höchste Bewertung und las den letzten Absatz vor der Klasse vor.
Jor sagte nichts, als Ivo den Aufsatz nach Hause brachte. Erst spät am Abend setzte er sich zu ihm ans Fenster.
„Du glaubst, du kannst die Grenze von innen ändern“, sagte er.
Ivo nickte.
„Vielleicht kannst du das.“ Jor strich über das Papier. „Aber vergiss nie: Ein Gesetz kann auf einem Bildschirm sauber aussehen und in der Wirklichkeit schmutzige Hände haben.“
Ivo versprach es.
Er war noch jung genug zu glauben, ein Versprechen sei dasselbe wie Vorbereitung.
Kapitel 02
Silberne Schiffe
Die Akademie der Grenzaufsicht lag auf Pallas, einer Station ohne Fenster.
Die Kadetten schliefen in weißen Kabinen, aßen in weißen Hallen und übten in Simulatoren, deren Wände jeden Himmel darstellen konnten. Ivo flog durch Gasriesen, Trümmerfelder und Atmosphärenstürme, ohne je einen echten Stern zu sehen. Seine Ausbilder sagten, Sicht sei eine Ablenkung. Ein guter Pilot vertraue den Instrumenten.
Ivo war gut. Nicht der Schnellste, nicht der Kühnste, aber derjenige, der eine Lage länger betrachtete als die anderen. Er erkannte Muster in Zollrouten, bemerkte falsche Triebwerkswärme und konnte aus einem schwankenden Massesignal ableiten, ob ein Frachter schlecht beladen war oder etwas in einer doppelten Wand verbarg.
Nera Tal schlug ihn in allem, was Mut erforderte.
Sie war auf einer Patrouillenplattform geboren worden und behandelte Schwerelosigkeit wie andere Menschen einen Flur. Bei ihrer ersten gemeinsamen Übung schob sie das Trainingsschiff zwischen zwei rotierenden Wrackteilen hindurch, obwohl das Handbuch einen Umweg von sieben Minuten vorschrieb.
„Sieben Minuten sind an einer Grenze eine Einladung“, sagte sie nach der Landung.
„Eine Einladung wozu?“
„Dass jemand schneller lügt als du fliegst.“
Sie wurden Freunde, weil sie einander widersprachen, ohne die Widersprüche persönlich zu nehmen. Nera glaubte, Regeln seien Werkzeuge. Ivo glaubte, sie seien Versprechen. Beide hielten die Auffassung des anderen für naiv.
Kommandant Darin Varek unterrichtete Einsatzrecht. Er war ein breiter Mann mit einer künstlichen linken Hand, deren Gelenke beim Schreiben leise klickten. An seinem ersten Tag legte er drei Gegenstände auf den Tisch: einen Beutel Getreide, eine Ampulle Medizin und einen Reaktorzünder.
„Welcher davon ist gefährlich?“, fragte er.
Die Kadetten wählten den Zünder.
Varek schüttete das Getreide aus. Zwischen den Körnern lagen graue Pilzsporen. Er hielt die Ampulle gegen das Licht. Das Etikett gehörte zu einem Antibiotikum, der Inhalt zu einem Nervengift. Der Zünder war eine leere Attrappe.
„Fracht ist eine Behauptung“, sagte er. „Ihre Aufgabe ist, die Wahrheit zu finden, bevor sie einen Hafen erreicht.“
Ivo mochte diesen Satz. Er klang nach Verantwortung, nicht nach Formularen.
Nach zwei Jahren erhielt er die silberne Uniform und einen Platz auf der Patrouille Vesper Drei. Das Schiff war schmal, schnell und so sauber, dass Ivo sich in den Bodenplatten spiegeln konnte. Auf dem Heck leuchtete die Kennung in großen weißen Zeichen. Jede Schleuse der Grenzregion öffnete sich für sie.
Sein erster realer Einsatz galt einem Frachter namens Antea. Die Antea transportierte Atemfilter nach Kora, einer Bergbaukolonie mit häufigen Silikatstürmen. Drei der Ladungssiegel waren unlesbar. Das Zertifikat stammte von einer Behörde, die vor einem Monat aufgelöst worden war.
„Beschlagnahmen“, entschied Einsatzleiter Varek über Funk.
Der Kapitän der Antea war eine alte Frau namens Sera Noll. Sie trug ihr graues Haar kurz und sprach, als habe sie keine Zeit für Höflichkeit.
„Die Filter sind echt“, sagte sie. „Prüfen Sie einen.“
Ivo prüfte fünf. Alle erfüllten die Norm.
„Die Papiere nicht“, antwortete er.
„Auf Kora sind gestern zwei Menschen erstickt.“
„Sie können neue Zertifikate beantragen.“
Sera sah ihn lange an. Hinter ihr war das Cockpit der Antea dunkel, alt und mit Reparaturstreifen überzogen.
„Wie lange dauert das?“
IvoIvo kannte die Antwort. „Zwölf bis sechzehn Tage.“
„Dann brauchen die Toten keine Filter mehr.“
Varek befahl, die Antea zum Depot zu eskortieren. Ivo flog neben ihr. Durch die Seitenscheibe sah er Sera am Steuer sitzen. Sie blickte nicht zu ihm herüber.
Die Filter wurden eingelagert. Vier Monate später erfuhr Ivo, dass sie wegen einer geänderten Anschlussnorm verschrottet worden waren. Auf Kora starben in diesem Zeitraum siebenundzwanzig Menschen an Staublunge und zwei bei einem Filterbrand.
Ivo schrieb eine Eingabe. Die Grenzaufsicht bestätigte den Eingang. Danach kam nichts.
Nera fand ihn in der Kantine über dem Formular.
„Du versuchst, einen Bericht mit einem anderen Bericht zu bekämpfen“, sagte sie.
„Was soll ich sonst tun?“
„Beim nächsten Mal früher entscheiden.“
„Wir hatten keinen Spielraum.“
NeraNera trank ihren Kaffee aus. „Jeder Pilot hat Spielraum. Manche nennen ihn Fehler.“
Ivo dachte an die Dichtungsringe seines Vaters. Er sagte sich, dies sei nicht dasselbe gewesen. Die Filter hatten ungültige Papiere gehabt. Er hatte die Fracht nicht zerstört. Er hatte nur getan, was seine Aufgabe verlangte.
Der Satz beruhigte ihn nicht.
Kapitel 03
Was als Fracht gilt
Drei Jahre lang fing Ivo andere Menschen ab.
Er beschlagnahmte unversteuerte Maschinenteile, unregistrierte Saaten, gestohlene Reaktorzellen und einmal einen Behälter voller kleiner blauer Tiere, die sich bei Angst teilten. Er stoppte einen Passagierkutter, dessen Kapitän Flüchtlinge in einem leeren Wassertank transportierte. Die Menschen kamen in ein Aufnahmelager. Der Kapitän kam ins Gefängnis. Sechs Monate später war das Lager noch immer geschlossen, weil keine Kolonie die Kosten übernehmen wollte.
Ivo lernte, dass fast jede verbotene Fracht zwei Geschichten hatte. Die erste stand im Register. Die zweite saß vor ihm und bat darum, dass er die erste nicht glaubte.
VarekVarek beförderte ihn zum Leutnant. „Sie stellen die richtigen Fragen“, sagte er bei der Übergabe.
„Ich bekomme nur selten Antworten.“
„Das ist nicht Ihre Aufgabe.“
„Wessen dann?“
VarekVarek lächelte müde. „Wenn Sie das herausfinden, sagen Sie es mir.“
Auf Eydra hatte sich das Leben der Familie stabilisiert. Jor reparierte keine Agrarpumpen mehr. Seine Lunge vertrug das Kühlmittel nicht, also überwachte er in der Leitstelle Druckwerte. Sana führte inzwischen das Verwaltungsbüro. Ivos ältere Schwester Lea arbeitete als Ärztin in der kleinen Klinik am Süddom. Sie schickte ihm Nachrichten, in denen sie sich über fehlende Medikamente und Patienten beschwerte, die ihre Behandlung in Raten bezahlten.
„Du könntest dich versetzen lassen“, sagte sie bei einem Besuch. „Dann hättest du wenigstens ein Gesicht, wenn du unsere Anträge ablehnst.“
„Ich lehne keine medizinischen Anträge ab.“
„Natürlich nicht. Das macht die Versorgungskommission. Du beschützt nur die Schiffe, die ihre Entscheidung durchsetzen.“
Lea konnte mit einem Satz die Jahre zwischen ihnen entfernen. Ivo war wieder der kleine Bruder, der ihr Werkzeug brachte und hinterher behauptete, er habe die Reparatur selbst gemacht.
„Wenn wir die Kontrollen abschaffen, fliegt jeder Gift und gefälschte Medizin durch die Sperre“, sagte er.
„Ich will keine Grenze ohne Kontrolle. Ich will eine Kontrolle, die den Unterschied zwischen Gift und einem abgelaufenen Stempel erkennt.“
„Daran arbeite ich.“
LeaLea berührte die silberne Plakette an seiner Uniform. „Nein. Du hoffst, dass jemand über dir daran arbeitet.“
Eine Woche später fand Vesper Drei die Antea wieder.
Sera Nolls Frachter hatte eine neue Lackierung, aber dieselbe leicht schiefe Triebwerksspur. Ivo erkannte sie, bevor der Computer die alte Hülle zuordnete. Das Schiff flog ohne angemeldete Fracht von Meridian nach Kora.
„Antea, reduzieren Sie den Schub und übertragen Sie Ihr Manifest“, funkte Ivo.
Sera„Mein Manifest ist leer“, antwortete Sera.
„Dann dauert die Kontrolle nicht lange.“
Im Frachtraum standen zwölf leere Container. Die Wände zeigten keine Hohlräume. Die Treibstoffmasse stimmte. Ivo wollte gerade gehen, als er ein Husten hörte.
Hinter der Wartungsverkleidung des Kühlkreislaufs lagen vier Menschen. Eine Frau, zwei Männer und ein Junge von vielleicht acht Jahren. Sie trugen die orangefarbenen Armbänder des Aufnahmelagers Pallas.
Der Junge hielt einen Stoffvogel an die Brust. Seine Lippen waren bläulich.
Sera„Er braucht Sauerstoff“, sagte Sera.
Ivo rief den Sanitäter. Während der Junge behandelt wurde, stand Sera mit gefesselten Händen an der Wand.
Ivo„Menschenschmuggel“, sagte Ivo. „Darauf stehen zwölf Jahre.“
„Menschenrettung klingt weniger ordentlich.“
„Sie hätten einen Transfer beantragen können.“
„Haben wir. Kora wollte sie aufnehmen. Die Behörde verlangte eine Sicherheitsgebühr, die höher war als das Jahreseinkommen aller vier zusammen.“
„Das gibt Ihnen nicht das Recht—“
SeraSera lachte einmal, hart und ohne Freude. „Recht. Sie tragen dieses Wort wie einen Raumanzug. Merken Sie nicht, dass darin die Luft ausgeht?“
Ivo ließ die vier in die Krankenstation der Patrouille bringen. Im offiziellen Bericht schrieb er, sie seien wegen akuter Lebensgefahr nicht transportfähig. Damit durfte Vesper Drei sie auf Kora an die Klinik übergeben, statt sie zum Lager zurückzubringen.
Sera wurde festgenommen. Als sie an Ivo vorbeigeführt wurde, sah sie auf sein Dienstabzeichen.
„Ivo Renn“, las sie. „Jetzt kenne ich wenigstens den Namen des Mannes, der einmal richtig entschieden hat.“
„Sie kommen trotzdem vor Gericht.“
Sera„Ja“, sagte Sera. „Aber der Junge nicht zurück ins Lager.“
Varek unterschrieb Ivos Bericht, ohne die medizinische Begründung zu kommentieren. Später legte er ihm die Einsatzaufzeichnung auf den Tisch.
„Die Sensoren zeigen, dass der Junge transportfähig war.“
Ivo schwieg.
„Warum steht das Gegenteil im Bericht?“
„Weil Kora ihn behandelt und Pallas ihn eingesperrt hätte.“
Vareks künstliche Finger klickten auf der Tischplatte. „Sie haben gelogen.“
„Ja.“
„Tun Sie es nicht noch einmal so schlecht.“
Damit schloss er die Akte.
Ivo verließ den Raum mit der ersten bewussten Lüge seiner Laufbahn im Register. Sie fühlte sich schwerer an als jede beschlagnahmte Fracht und sauberer als viele Wahrheiten, die er zuvor eingetragen hatte.
Kapitel 04
Vierunddreißig Stunden
Das Orison-Fieber begann mit rotem Licht in den Augen.
Die ersten Erkrankten waren Arbeiter aus einem Recyclingdock. Innerhalb eines Tages kamen Fieber, Krämpfe und eine Entzündung der Lunge hinzu. Lea meldete zwölf Fälle, dann dreißig, dann einhundertvier. Die Klinik auf Eydra besaß genug Velamycin für zweiundzwanzig Menschen.
Das Medikament lag in einem Depot auf Meridian. Zweitausend Dosen, gekauft von der Sektorverwaltung und reserviert für „systemrelevante Standorte“. Eydra war nicht systemrelevant. Der Mond lieferte Agrarprodukte und seltene Metalle, aber keine Komponenten, die Orison Freight nicht anderswo kaufen konnte.
IvoLea rief Ivo über einen verschlüsselten Privatkanal an. Hinter ihr standen Betten im Flur. Ihr Haar klebte an der Stirn, obwohl sie keine Schutzhaube trug.
„Tarin hat Fieber“, sagte sie.
Ivo brauchte einen Moment, bis er verstand. Tarin war ihr sechsjähriger Sohn. Er sammelte alte Schiffssiegel und konnte jede Patrouillenklasse am Triebwerksklang unterscheiden.
„Wie hoch?“
„Hoch genug. Wir haben ihm die letzte Kinderdosis gegeben.“
„Ich bringe mehr.“
„Versprich nichts, was deine Behörde kontrolliert.“
Ivo ging zu Varek. Der Kommandant hatte bereits eine Einsatzkarte geöffnet. Um Eydra leuchtete ein roter Quarantänering.
Ivo„Meridian hat eine Lieferung freigegeben“, sagte Ivo. „Wir können sie in sechs Stunden holen.“
„Freigegeben unter Vorbehalt“, korrigierte Varek. „Orison hält die Transportlizenz. Die Gesellschaft verlangt eine Gefahrenzulage.“
„Dann zahlen wir sie.“
„Die Sektorverwaltung verhandelt.“
„Menschen sterben während der Verhandlung.“
VarekVarek sah älter aus als am Vortag. „Ich habe einen Antrag auf Notfallübernahme gestellt.“
„Wie lange?“
„Acht bis zwölf Stunden.“
IvoIvo öffnete den Einsatzplan. Vesper Drei war startbereit. „Ich fliege jetzt.“
„Wenn Sie das Depot ohne Frachtfreigabe betreten, ist es Beschlagnahme.“
„Es gehört der Sektorverwaltung.“
„Die Lagerrechte gehören Orison.“
„Mein Neffe gehört niemandem.“
Vareks Blick wurde hart. „Leutnant, Sie bleiben am Boden.“
Ivo verließ die Zentrale und versuchte, jedes offizielle Mittel gleichzeitig zu benutzen. Er rief die Versorgungskommission, die Quarantänestelle, den medizinischen Bereitschaftsdienst und zwei Vertreter der Sektorverwaltung an. Ein Assistent versprach einen Rückruf. Eine automatische Stimme wies ihn darauf hin, dass Falschangaben in Notfallanträgen strafbar seien.
LeaNach zehn Stunden meldete Lea dreihundert Fälle.
Nach fünfzehn Stunden erreichte eine unregistrierte Nachricht sein Terminal.
ICH HABE 600 DOSEN. START IN 20 MINUTEN. BRAUCHE EIN FENSTER.
Kein Absender. Ivo wusste trotzdem, wer geschrieben hatte.
Sera Noll war vor zwei Monaten gegen Kaution freigekommen. Die Verhandlung war vertagt worden, weil das Gericht die vier Geretteten nicht als Beweismittel behandeln konnte, solange Kora ihre Auslieferung verweigerte.
Ivo löschte die Nachricht. Dann stellte er die Patrouillenroute so um, dass zwischen den Relais Eydra Vier und Fünf ein Kontrollfenster von neun Minuten entstand.
Jemand bemerkte die Änderung.
Varek rief ihn in die Zentrale. Auf dem Hauptschirm bewegte sich ein dunkler Punkt auf Eydra zu. Zwei andere Patrouillen nahmen Abfangkurs.
Varek„Haben Sie die Route verändert?“, fragte Varek.
Ivo hätte lügen können. Er war besser darin geworden.
„Ja.“
VarekVarek schloss kurz die Augen. „Widerrufen Sie den Befehl.“
„Nein.“
„Das Schiff ist unidentifiziert.“
„Es trägt Velamycin.“
„Das behauptet jemand, der bereits Menschen in einer Kühlwand versteckt hat.“
„Prüfen Sie die Fracht nach der Landung.“
„Dann ist die Quarantäne gebrochen.“
Ivo sah auf den dunklen Punkt. Noch sieben Minuten.
Varek„Wenn Sie jetzt nicht widerrufen“, sagte Varek, „übernimmt die automatische Verteidigung.“
Die beiden Patrouillen schlossen auf. Ivo griff nach der Konsole. Varek hielt seine künstliche Hand über den Trennschalter.
Für einen Augenblick standen zwei Menschen vor demselben Befehl und warteten darauf, dass der andere seine Hände benutzte.
Varek war schneller.
Die Route sprang zurück. Das Kontrollnetz erfasste Seras Schiff und zwang es mit einem Feldimpuls aus dem Kurs. Die Antea trudelte, fing sich und wurde zwischen den Patrouillen eingeschlossen.
„Fracht gesichert“, meldete das System.
Ivo hörte nur den zweiten Teil des Satzes, den es nicht sagte.
Lieferung verhindert.
Die Verhandlungen mit Orison endeten vierunddreißig Stunden nach Leas erstem Anruf. Als Vesper Drei auf Eydra landete, warteten keine jubelnden Ärzte. Pflegekräfte schoben versiegelte Körperbehälter durch eine Seitenschleuse.
Lea stand am Ende des Flurs. Sie trug noch den Schutzanzug. Auf der transparenten Haube lag ein kleiner Handabdruck.
Ivo„Wo ist Tarin?“, fragte Ivo.
Lea sah ihn an, und er kannte die Antwort, bevor sie sprach.
„Du hast die Grenze geschützt“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig. „Du hast nur vergessen, auf welcher Seite wir standen.“
Tarin war acht Stunden vor der Lieferung gestorben.
In Ivos Bericht stand später, alle Verfahren seien ordnungsgemäß eingehalten worden.
Er unterschrieb nicht.
Kapitel 05
Der Preis der Erlaubnis
Die Grenzaufsicht suspendierte Ivo für dreißig Tage.
Offiziell ging es um die eigenmächtige Änderung einer Patrouillenroute. Seine Weigerung, den Abschlussbericht zu unterschreiben, wurde nicht erwähnt. Varek übergab ihm die Verfügung persönlich.
„Dreißig Tage sind wenig“, sagte er.
„Für Tarin waren acht Stunden zu viel.“
VarekVarek legte die künstliche Hand auf den Tisch. „Glauben Sie, ich hätte die Lieferung gern gestoppt?“
„Sie haben es getan.“
„Wenn ich das Netz geöffnet hätte, wäre ich abgesetzt worden. Der nächste Kommandant hätte die Antea abgeschossen.“
„Dann hätten Sie wenigstens einmal die falsche Entscheidung nicht selbst getroffen.“
VarekVarek nahm die Hand zurück. „Das ist der Luxus von Menschen, die nur die Folgen eines Befehls sehen. Nicht die Folgen aller Befehle danach.“
Ivo ging, bevor er etwas sagte, das er später nicht bereuen würde.
Auf Eydra waren einhundertneunundachtzig Menschen gestorben. Orison Freight veröffentlichte eine Erklärung, in der die Gesellschaft ihr Mitgefühl ausdrückte und auf die außergewöhnliche Komplexität intersystemischer Quarantänelogistik hinwies. Drei Tage später erhöhte sie die Preise für medizinische Transporte durch die Vesper-Sperre.
Lea ließ Ivo nicht in ihre Wohnung. Sie schickte ihm Tarins Sammlung von Schiffssiegeln in einer kleinen Metallkiste. Obenauf lag das silberne Abzeichen von Vesper Drei. Ivo hatte es seinem Neffen zum fünften Geburtstag geschenkt.
Er wollte die Kiste wegstellen. Stattdessen öffnete er die internen Transportakten.
Seine Suspendierung hatte ihm den Zugang entzogen, aber Nera kannte sein altes Passwort nicht nur, sie wusste auch, dass er es niemals änderte. Am zweiten Abend erschien sie in seiner Kabine.
„Du benutzt meine Kennung“, sagte sie.
„Du kannst sie sperren.“
„Dann besorgst du dir eine schlechtere.“ Sie stellte zwei Becher Kaffee auf den Tisch. „Was suchst du?“
„Den Grund, warum Orison vierunddreißig Stunden brauchte.“
„Geld.“
„Geld braucht keine vierunddreißig Stunden. Eine Entscheidung braucht so lange, wenn jemand will, dass sie teuer aussieht.“
Sie fanden sieben Versionen der Frachtfreigabe. Die erste war vierzig Minuten nach Leas Antrag genehmigt worden. Grenzpräfekt Malrec Dain hatte sie zurückgezogen und eine zusätzliche Risikoprüfung verlangt. Gleichzeitig hatte sein Büro Orison über die bevorstehende Notlage informiert. Die Gesellschaft erhöhte ihre Forderung. Dain erhielt über eine Beratungsfirma einen Anteil an jeder Gefahrenzulage.
Nera„Das ist Korruption“, sagte Nera.
IvoIvo scrollte weiter. „Nein. Korruption versteckt sich. Das hier steht in genehmigten Verträgen.“
Je tiefer sie suchten, desto deutlicher wurde das Muster. Kora hatte für Atemfilter gezahlt, die nie angekommen waren. Drei Randkolonien kauften Getreide über Orison, obwohl volle Lager auf Meridian verfaulten. Medizinische Notfälle wurden nicht verhindert; sie wurden in eine Preisstufe verwandelt.
Nera„Wir bringen das zur Aufsichtskommission“, sagte Nera.
IvoIvo sah sie an. „Welche?“
Sie schwieg.
Malrec Dain leitete die regionale Zollaufsicht, ernannte zwei Mitglieder der Versorgungskommission und finanzierte über Orison den Wahlfonds des Sektorbeauftragten. Jede Tür führte zurück in denselben Raum.
NeraNera kopierte die Akten auf einen isolierten Speicher. „Dann veröffentlichen wir sie.“
„Ohne Herkunft gelten sie als Fälschung. Mit Herkunft gehst du ins Gefängnis.“
„Und was willst du tun?“
Ivo öffnete die Liste der beschlagnahmten Güter. In Depot Sieben lagen Seras sechshundert Dosen Velamycin. Nur vierhundertachtzehn waren auf Eydra gebraucht worden. Der Rest sollte nach Ende der Beweisfrist vernichtet werden.
Daneben standen Atemfilter, Wasseraufbereiter und acht Tonnen unregistriertes Saatgut.
Ivo„Zuerst“, sagte Ivo, „verhindere ich, dass sie noch etwas wegwerfen.“
Sera Noll saß im Besuchsraum des Pallas-Gefängnisses. Man hatte sie nach dem abgefangenen Medikamentenflug wieder in Haft genommen. Als Ivo sich setzte, lächelte sie nicht.
„Wie viele?“, fragte sie.
„Einhundertneunundachtzig.“
„Das war nicht meine Frage.“
IvoIvo verstand. „Tarin war sechs.“
Sera schloss die Augen. Danach wirkte sie nicht weicher, nur müder.
Ivo„Ich kann die Restbestände aus Depot Sieben holen“, sagte Ivo.
„Sie können vieles. Sie dürfen wenig.“
„Ich brauche ein Schiff.“
Jetzt sah sie ihn an.
„Das ist kein Antrag“, fügte er hinzu.
SeraSera lehnte sich zurück. „Dann lernen Sie endlich die richtige Sprache.“
Kapitel 06
Die erste verbotene Lieferung
Seras Kaution kostete Ivo seine Ersparnisse und Nera zwei glaubwürdige Lügen.
Pell Anwar stellte das Schiff. Er betrieb auf Pallas eine Werkstatt, die offiziell Navigationssensoren reparierte und inoffiziell alles, was keine Fragen vertrug. Seine Haare waren weiß, sein Gesicht jung und seine linke Schulter bestand aus einem alten Lastenarm, den er mit Aufklebern versah.
„Das ist keine Schönheit“, sagte er und zeigte auf den Kutter in Dock neun.
Der Rumpf war kurz, schwarz und an drei Stellen unterschiedlich lackiert. Über der Schleuse stand RAVEL-447. Der rechte Schubvektor stammte von einem Rettungsboot, die Kühlung von einem Erzfrachter.
Ivo„Sie fliegt?“, fragte Ivo.
PellPell klopfte gegen die Hülle. „Sie fällt in die gewünschte Richtung.“
„Schnell?“
„Wenn man den Reaktor nicht mag.“
SeraSera ging einmal um das Schiff. „Perfekt.“
Der Plan war einfach genug, um gefährlich zu sein. Nera leitete Vesper Drei zu einer fingierten Sensorspur am äußeren Mond. Pell öffnete mit einer alten Wartungskennung das Depot. Ivo und Sera luden die Medikamente, Filter und Wasseraufbereiter. Die Ravel verließ Pallas durch einen Versorgungsschacht, der für bemannte Schiffe zu eng war.
„Zu eng laut Plan“, korrigierte Pell.
Ivo saß zum ersten Mal seit seiner Suspendierung wieder an einem Steuer. Die Ravel reagierte verzögert und zog beim Rollen nach rechts. Jede Bewegung musste er einen Augenblick früher beginnen, als sein Körper es gewohnt war.
„Sie hasst mich“, sagte er.
Sera„Das ist ihr Normalzustand“, erwiderte Sera.
Sie passierten den Schacht mit sechs Zentimetern Abstand an der engsten Stelle. Dahinter lag der schwarze Raum zwischen Pallas und dem Grenzmond Argo. Ivo schaltete den Transponder ein. Auf den Netzen erschien die Ravel als Wartungsfahrzeug mit einem Auftrag zur Relaisreparatur.
Sera„Die Kennung hält nicht lange“, sagte Sera.
„Sie muss nur bis Argo halten.“
„Und danach?“
„Fliegen wir ohne.“
SeraSera musterte ihn. „Das sagt sich leichter, wenn man sein Leben lang eine Nummer am Heck hatte.“
Am Relais Argo forderte die automatische Kontrolle eine Massensignatur an. Pell hatte die leeren Wassertanks mit Metallstaub gefüllt, der die Scanner störte. Das System meldete einen Messfehler und wies sie an, zur manuellen Prüfung anzudocken.
Ivo bestätigte. Dann flog er weiter.
Zwei Minuten später wechselten die Navigationslichter des Relais von Blau auf Rot.
Sera„Jetzt sind wir offiziell unhöflich“, sagte Sera.
Eine Patrouille löste sich aus dem Schatten des Mondes. Nicht Vesper Drei. Vesper Acht, schwerer bewaffnet und von einem Piloten geführt, dessen Stimme Ivo nicht kannte.
„Ravel-447, reduzieren Sie den Schub. Bei Nichtbefolgung setzen wir Zwangsmaßnahmen ein.“
Ivo legte die Ravel in eine steile Kurve zum Mond. Die Patrouille folgte und gewann schnell.
Sera„Die Ravel ist kein Rennschiff“, warnte Sera.
„Nein. Aber der andere Pilot glaubt, ich will entkommen.“
„Willst du das nicht?“
Ivo schaltete die Haupttriebwerke ab. Der Mond zog den Kutter in eine enge Fallbahn. Die Patrouille schoss darüber hinweg, musste wenden und verlor ihre bessere Position. Ivo zündete den Rettungsboot-Vektor. Die Ravel sprang seitlich aus der Bahn und verschwand für vierzig Sekunden hinter Argo.
Dort wartete ein altes Frachtnetz. Sera hatte es Jahre zuvor benutzt. Hunderte stillgelegte Container kreisten ohne Kennung um den Mond. Ivo schob die Ravel zwischen zwei von ihnen und ließ sie auskühlen.
Die Patrouille suchte eine Stunde. Zweimal strich ihr Ortungsfeld über die Hülle. Der Metallstaub in den Tanks ließ den Kutter wie einen Container voller Erzabfall erscheinen.
Als die Scanner verschwanden, atmete Sera aus.
„Du hast gesagt, du seist Grenzpilot.“
„War ich.“
„Nein“, sagte sie. „Du warst Grenzaufsicht. Pilot wirst du gerade erst.“
Sie erreichten Kora am folgenden Abend. In der Klinik warteten keine Händler. Ärzte, Techniker und Familien bildeten eine Kette vom Frachtraum bis zu den Versorgungsschächten. Die Atemfilter wurden noch in derselben Schicht eingebaut. Die Medikamente verschwanden in Kühlschränken, deren Türen mit Klebeband geschlossen wurden.
Eine Ärztin drückte Ivo beide Hände. „Wie sollen wir die Lieferung verbuchen?“
Er dachte an die Berichte, die er geschrieben hatte, an jedes Feld für Herkunft, Kennung und Genehmigungsnummer.
„Gar nicht“, sagte er.
Auf dem Rückflug schlief Sera im rechten Sitz. Ivo öffnete Tarins Metallkiste. Er hatte sie ohne zu überlegen mitgenommen. Zwischen den Schiffssiegeln lag das Abzeichen von Vesper Drei.
Er nahm es heraus und legte es auf die Konsole.
Beim nächsten Kurswechsel glitt es zu Boden. Ivo hob es nicht auf.
Kapitel 07
Ein Schiff, das nicht existiert
Die Grenzaufsicht brauchte neun Tage, um Ivo Renn wegen Diebstahls, Amtsmissbrauchs und Sabotage anzuklagen.
Er war zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden.
Pell brachte die Ravel in ein verlassenes Reparaturdock tief im Schatten von Meridian. Die Station war einmal für Tanker gebaut worden. Jetzt gehörten ihre äußeren Ringe Rost, Eis und Menschen, deren Verträge nicht mehr gültig waren.
Pell„Als Erstes entfernen wir die Kennung“, sagte Pell.
Er schnitt RAVEL-447 aus der Hülle. Unter den Platten kam die ältere Nummer eines Rettungskutters zum Vorschein, darunter noch eine. Das Schiff hatte mehr Identitäten getragen als Lackschichten.
SeraSera warf die Metallstücke in den Schmelzer. „Ein Schiff braucht einen Namen.“
Ivo„Ein Hafen braucht einen Namen“, sagte Ivo. „Ein Schiff braucht einen Kurs.“
„Das ist der traurigste Satz, den ich seit Jahren gehört habe.“
Pell taufte den Kutter trotzdem. Er schrieb NULL mit Kreide neben die Schleuse. Die Schrift hielt bis zum ersten Flug und blieb danach als heller Schatten zurück.
Sie ersetzten den Transponder durch drei gestohlene Module, die sich gegenseitig widersprachen. Für zivile Scanner war die Null je nach Blickwinkel ein Schlepper, ein Kühlfrachter oder ein Messfehler. Militärische Systeme würden die Täuschung erkennen, aber bis dahin hoffentlich Zeit verlieren.
Ivo rasierte sich den Kopf, färbte die Augenlinsen dunkel und lernte, auf keinen Namen zu reagieren. Sera zeigte ihm die Häfen jenseits der offiziellen Karten: Knotenpunkte in Asteroiden, Schleusen ohne Verwaltung, Werkstätten in den Hüllen abgestellter Kolonieschiffe. Dort fragte niemand nach Herkunft. Dafür fragte jeder nach Bezahlung.
Sera„Schmuggler sind keine Helden“, sagte Sera in der ersten Nacht. „Vergiss das nie.“
„Ich habe nicht vor, einer zu werden.“
„Du bist bereits einer. Ich meine Held.“
Sie erklärte ihm die drei Regeln ihres Netzes. Keine Menschen gegen ihren Willen. Keine Waffen an Regierungen oder Milizen. Keine lebenswichtige Fracht liegen lassen, nur weil jemand mehr für etwas anderes zahlt.
Ivo„Und wenn wir das Geld brauchen?“, fragte Ivo.
„Dann schmuggeln wir Luxus für reiche Narren.“
Die erste bezahlte Fracht bestand aus echtem Regenwasser für einen Hotelgarten auf Solares. Der Besitzer zahlte genug, um zwei medizinische Flüge zu finanzieren. Ivo fand es obszön. Sera fand es nützlich.
„Moral, die keinen Treibstoff kauft, bleibt am Dock“, sagte sie.
Lea meldete sich nach sechs Wochen. Ihre Nachricht war kurz.
ICH WEISS, WAS DU GETAN HAST. TARIN HÄTTE ES GELIEBT, DASS DEIN SCHIFF KEINEN NAMEN HAT. ICH NICHT. ABER ICH VERSTEHE ES.
Ivo antwortete nicht. Jede Verbindung gefährdete sie. Stattdessen schickte er über drei Zwischenstationen eine Kiste mit Medikamenten an die Klinik von Eydra. Auf dem Lieferschein stand nur: FÜR DIE STUNDEN, DIE NICHT WARTEN.
Grenzpräfekt Dain machte Ivo zum öffentlichen Beispiel. In allen Häfen der Vesper-Sperre liefen Fahndungsbilder. Die Behörde nannte ihn einen ehemaligen Offizier, der gefährliche Substanzen entwendet und die medizinische Sicherheit mehrerer Welten bedroht habe. Orison setzte eine Belohnung aus.
Ivo sah sein Gesicht auf einem Bildschirm in Meridians Unterring. Es wirkte fremd, sauberer als er sich erinnerte.
Pell„Sie haben ein gutes Bild genommen“, sagte Pell.
„Es ist vom Tag meiner Beförderung.“
„Dann passt es. Gesucht wird ein Mann, den es nicht mehr gibt.“
Nera fand sie trotzdem.
Sie kam allein in das Reparaturdock, die Waffe sichtbar, aber nicht gezogen. Sera stand hinter einem Container. Pell hielt den Lastenarm seiner Schulter bereit, als könne er damit eine Patrouillenoffizierin erschrecken.
Ivo trat vor die Null.
„Bist du hier, um mich festzunehmen?“, fragte er.
Nera war inzwischen Captain. Die silberne Uniform saß an ihr, als wäre sie damit geboren worden.
„Dain hat die Suchmuster geändert“, sagte sie. „Er analysiert Flugstile. Du ziehst bei verdeckten Kurswechseln immer zwei Grad zu früh hoch.“
„Ich arbeite daran.“
Sie gab ihm einen Speicher. Darauf lagen Patrouillenrouten, Prüfintervalle und die Liste von Depots, in denen Orison medizinische Güter zurückhielt.
Ivo„Warum?“, fragte Ivo.
NeraNera sah auf das Schiff ohne Kennung. „Weil du nicht der Einzige bist, der früher entscheiden kann.“
Dann ging sie.
Von diesem Tag an existierte die Null auf keiner Karte länger als wenige Minuten. Doch an den Rändern der Sperre begannen Menschen, ihr Zeichen zu kennen: ein leerer Kreis, mit Kreide an Schleusen und Frachtkisten gemalt.
Es bedeutete nicht kostenlos. Es bedeutete nicht sicher.
Es bedeutete nur: Diese Lieferung wartet nicht auf Erlaubnis.
Kapitel 08
Keine ehrliche Fracht
In den folgenden vier Jahren transportierte Ivo alles, was die Grenze für wertvoll genug hielt, um es aufzuhalten.
Antibiotika nach Kora. Saatgut nach Bellis. Membranfilter zu den schwimmenden Städten von Naia. Unregistriertes Getreide aus den Marsdepots. Einmal brachte er die Einzelteile einer kompletten Dialysestation durch drei Kontrollringe und erklärte jedem Scanner eine andere Maschine.
Die Null wurde schneller. Pell ersetzte den Rettungsboot-Vektor durch ein militärisches Schubmodul, das beim Start violett brannte. Sera baute verborgene Frachträume in die Kühlleitungen. Ivo lernte, die Wärme des Schiffes über den Rumpf zu verteilen, bis Sensoren nur das kalte Flackern von Weltraumschrott sahen.
Sie trugen keine Waffen. Sera hatte eine alte Pistole in ihrem Quartier, doch sie blieb in einer verschlossenen Schublade.
„Wenn du schießt, entscheidet der andere, was du bist“, sagte sie. „Solange du nur fliegst, muss er dir erst folgen.“
Nicht jede Fracht war ehrenhaft. Sie schmuggelten Parfüm, echten Kaffee, verbotene Musikarchive und einmal einen lebenden Baum für den privaten Hof eines Meridian-Direktors. Mit dem Geld kauften sie Medikamente. Ivo gewöhnte sich nie daran, dass die Wünsche Reicher zuverlässiger zahlten als die Bedürfnisse Kranker.
Er gewöhnte sich an vieles andere.
An Schlaf in Schichten von neunzig Minuten. An das Knacken der Hülle, wenn die Null nach einem schnellen Sprung abkühlte. An falsche Namen und Häfen, in denen niemand sein Gesicht länger betrachtete als nötig. An Nachrichten, die nur aus Koordinaten und einer Zahl bestanden.
Die Zahl bedeutete Menschen.
Zwölf Filter. Dreihundertachtzig Menschen.
Fünf Kisten Impfstoff. Zweitausend Kinder.
Ein Wasserrelais. Eine Stadt.
Sera wurde für ihn, was Varek einmal hatte sein sollen: jemand, der Fragen nicht beendete, nur weil ein Befehl vorlag. Sie stritten über Preise, Risiken und darüber, wann eine Rettung zu gefährlich wurde.
„Du willst jede Fracht persönlich tragen“, sagte sie nach einem Lauf, bei dem Ivo zwei Tage nicht geschlafen hatte.
„Wir hatten keinen Ersatzpiloten.“
„Dann verschiebt man.“
„Das Medikament hielt nur drei Tage.“
„Und wenn du stirbst, halten alle nächsten Lieferungen gar nicht.“
Ivo kannte das Argument. Varek hatte ähnlich gesprochen. Der Unterschied war, dass Sera sich selbst in die Rechnung einbezog.
Grenzpräfekt Dain schloss die Sperre enger. Neue Minenfelder erschienen zwischen den Monden. Patrouillen nutzten Scanner, die nicht nur Masse und Wärme, sondern Bewegungsgewohnheiten verglichen. Nera sandte seltener Daten. Jede Nachricht wurde gefährlicher.
Bei einem Lauf nach Ananke wartete Vesper Drei hinter dem letzten Relais.
Nera führte das Schiff. Ivo erkannte ihre Handschrift in der Formation: weit genug geöffnet, um ihm einen scheinbaren Fluchtweg zu lassen, eng genug, um ihn dort zu fangen.
„Null“, funkte sie auf einem offenen Kanal. „Schalten Sie die Triebwerke ab.“
SeraSera hob eine Augenbraue. „Sie klingt, als kennt sie dich.“
„Sie kennt meine Fehler.“
„Dann zeig ihr einen neuen.“
Ivo drehte nicht zum offenen Korridor. Er flog direkt auf Vesper Drei zu.
Die Patrouille musste ausweichen. Im Moment der Kreuzung öffnete Ivo den Frachtraum. Leere Metallkisten lösten sich und tanzten zwischen den Schiffen. Keine traf die Patrouille, aber ihre Scanner verloren die Null im chaotischen Echo.
Ivo tauchte unter das Relais, zündete den violetten Vektor und verschwand im Schatten des Grenzmondes.
Später fand er eine Nachricht von Nera im alten Akademiecode.
ZWEI GRAD ZU SPÄT. ENDLICH.
Sera lachte, als er sie ihr zeigte.
„Ihr beide solltet aufhören, euch zu jagen, und Karten spielen.“
„Sie würde gewinnen.“
„Deshalb jagt sie dich.“
Die Lieferung erreichte Ananke. Im Frachtraum warteten Familien mit leeren Wasserbehältern. Als die Pumpen ansprangen, jubelte niemand. Die Menschen hielten Becher unter die Leitungen und tranken schweigend.
IvoAuf dem Rückweg fragte Ivo Sera, ob sie je aufhören würde.
„Ich höre jeden Morgen auf“, sagte sie. „Dann kommt eine Nachricht.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch. Nur keine, die dir gefällt.“
Ivo betrachtete die dunkle Konsole. Auf ihr lag noch immer Tarins silbernes Siegel. Er hatte es aus der alten Ravel gerettet und neben den Hauptschalter geklebt.
Keine ehrliche Fracht, dachte er, war je nur das, was im Manifest stand.
Manchmal war sie Medizin.
Manchmal Schuld.
Meistens beides.
Kapitel 09
Die Rechnung
Malrec Dain lernte, dass er die Null nicht fangen musste.
Er musste nur dafür sorgen, dass jemand auf sie wartete.
Der Auftrag kam aus dem Mondhafen Cress. Eine Kinderklinik meldete einen Ausfall ihrer Blutfilter. Ohne Ersatz würden innerhalb von zwei Tagen vierundzwanzig Patienten sterben. Die Koordinaten, die Diagnosedaten und selbst die Seriennummern der defekten Geräte waren korrekt.
Sera misstraute dem Preis. Er war zu niedrig.
Ivo„Menschen in Not verhandeln schlecht“, sagte Ivo.
„Behörden stellen Köder billig hin.“
Pell prüfte die Nachricht. Sie lief über einen Kanal, den nur sechs Kliniken benutzten. Zwei davon bestätigten den Ausfall.
Sie flogen.
Cress lag unter der Oberfläche eines eisenreichen Mondes. Die einzige Zufahrt führte durch einen langen Docktunnel. Als die Null die Hälfte erreicht hatte, schlossen sich beide Tore.
Magnetfelder packten den Rumpf. Die Triebwerke starben. Aus den Wänden klappten Geschütztürme.
Sera„Ich hasse es, recht zu haben“, sagte Sera.
Malrec Dain erschien auf der Cockpitscheibe. Er war schlank, sorgfältig gekleidet und hatte die Art ruhiger Stimme, die nur Menschen besaßen, deren Befehle andere ausführten.
„Ivo Renn“, sagte er. „Sie haben meine Grenze teuer gemacht.“
Ivo antwortete nicht.
„Öffnen Sie den Frachtraum und verlassen Sie das Schiff. Ihre beiden Begleiter erhalten reduzierte Strafen, wenn sie kooperieren.“
SeraSera schaltete den Kanal stumm. „Wie viel Zeit?“
PellPell legte seine Metallhand auf die Seitenkonsole. „Drei Minuten, wenn ich die Feldklemme überbrücke. Danach brennt der halbe Stromkreis.“
Ivo„Wir haben zwei“, sagte Ivo. Patrouillen näherten sich dem äußeren Tor.
Sera öffnete die Schublade unter ihrem Sitz und nahm die alte Pistole heraus.
„Du hast gesagt, wir schießen nicht.“
„Nicht auf Menschen.“ Sie reichte die Waffe Pell. „Der Feldgenerator sitzt hinter der Wartungsplatte.“
Pell feuerte dreimal in die Wand. Beim dritten Treffer flackerte das Magnetfeld. Ivo zündete alle Vektoren gleichzeitig. Die Null riss sich aus der Klemme, schlug gegen den Tunnelrand und verlor eine Seitenplatte.
Das innere Tor blieb geschlossen.
Pell„Fünf Sekunden“, sagte Pell.
„Wir haben keine fünf.“
SeraSera sprang auf. „Der Notschalter ist draußen.“
IvoIvo verstand, bevor sie die Schleuse erreichte. „Nein.“
„Flieg das Schiff.“
„Sera—“
Sie schloss die Innentür. Durch das kleine Fenster sah Ivo, wie sie den Druck aus der Schleuse ließ. Ihr Anzug war nicht für Außenarbeit gedacht. Er würde wenige Minuten halten.
Sera stieß sich in den Tunnel ab und zog sich an den Wartungsgriffen zum manuellen Torfeld. Patrouillen erreichten das äußere Tor. Die erste Warnung traf als roter Blitz die Sensoren.
Sera öffnete die Abdeckung und legte den Hebel um.
Das innere Tor fuhr auf.
Ivo zündete. Die Null schoss in den Dockraum von Cress. Hinter ihnen eröffneten die Patrouillen das Feuer. Ein Treffer riss die Außenstreben neben Sera weg.
Ihre Sicherungsleine spannte sich, schlug gegen die Hülle und verschwand aus der Kamera.
„Sera!“
Keine Antwort.
Ivo wollte wenden. Pell packte den Steuerhebel mit seiner Metallhand.
„Wenn du jetzt zurückfliegst, stirbt sie für einen Kreis“, sagte er. „Mach eine Linie daraus.“
Die Null durchbrach die dünne Schutzkuppel des Docks. Notfelder schlossen sich hinter ihr. Ivo flog durch die Schluchten von Cress, so tief, dass Metallstaub über die Cockpitscheibe strich. Die Patrouillen folgten nicht. Ihre Schiffe waren für freien Raum gebaut, nicht für Tunnel und Fels.
Die Klinik war echt. Auch die Kinder waren echt. Dain hatte ihre Not nicht erfunden, nur benutzt.
Ivo und Pell bauten die Filter selbst ein. Ivo arbeitete, bis seine Hände bluteten. Niemand fragte, warum nur zwei Menschen aus dem Schiff stiegen.
Später fand Pell in den Sensordaten eine Rettungskapsel. Sera hatte sie in der letzten Sekunde erreicht. Eine Patrouille barg sie.
Sie lebte.
Dain ließ das Video ihrer Festnahme auf allen Kanälen senden. Sera kniete im weißen Licht des Docktunnels, die Hände hinter dem Kopf. Neben ihr lag die Pistole.
„Die sogenannte humanitäre Schmugglerin wurde bewaffnet aufgegriffen“, erklärte die Nachricht.
Ivo sah die Aufnahme dreimal. Beim vierten Mal bemerkte er, dass Sera direkt in die Kamera blickte. Ihre Lippen bewegten sich.
Flieg.
Die Grenzbehörde bot ihm einen Tausch an. Die Null, die gestohlenen Daten und seine vollständige Aussage gegen Seras Leben.
Lea sendete über das alte Netz nur einen Satz.
WENN DU IHNEN ALLES GIBST, NEHMEN SIE MORGEN DEN NÄCHSTEN.
Ivo löschte die Antwort der Behörde.
Zum ersten Mal verstand er, dass eine Entscheidung richtig sein und sich trotzdem wie Verrat anfühlen konnte.
Kapitel 10
Der Name im Feuer
Ivo konnte Sera nicht aus dem Zentralgefängnis holen.
Also nahm er dem Gefängnis den Mann, der es kontrollierte.
Die Transportakten aus Neras Speicher reichten nicht aus. Dain würde sie als gestohlene und manipulierte Daten bezeichnen. Ivo brauchte die Verträge, Zahlungswege und persönlichen Freigaben aus dem Präfekturrechner auf Pallas. Das System war vom öffentlichen Netz getrennt.
Pell baute einen Sender in eine Frachtkiste. Lea beschaffte eine gültige Klinikbestellung für Schutzkleidung. Nera sorgte dafür, dass die Kontrolleinheit am richtigen Tag aus unerfahrenen Kadetten bestand.
Ivo flog die Kiste nicht selbst. Eine reguläre Spedition nahm sie mit. Zum ersten Mal schmuggelte er keinen Gegenstand durch eine Grenze, sondern einen Weg hinein.
Als der Sender im Depot erwachte, öffnete er für elf Minuten einen schmalen Kanal zum Präfekturrechner. Ivo kopierte alles.
Dain besaß Anteile an sieben Transportunternehmen. Er hatte Quarantänen verlängert, um Gefahrenzulagen zu erhöhen, und Hilfslieferungen umgeleitet, bis Kolonien Exklusivverträge unterschrieben. In einer Tabelle standen sechsundvierzig medizinische Notfälle. Daneben standen erwarteter Umsatz, politisches Risiko und zulässige Todesfälle.
Tarin war keine Person gewesen. Er war Teil einer Zahl unter dem Schwellenwert.
Ivo sendete die Daten an jedes freie Relais der Sperre.
Dain kappte die Netze nach vier Minuten. Vier Minuten genügten. Kliniken, Hafenarbeiter und Familien kopierten die Akten. Auf Kora projizierte jemand die Liste der Todesfälle an die Wand des Orison-Büros. Auf Eydra legten Beschäftigte die Agrardocks still. Selbst auf Meridian stellte ein Mitglied des Boards öffentlich Fragen, die sich nicht mehr mit Bedauern beantworten ließen.
Dain wurde nicht gestürzt. Menschen wie er standen selten allein. Aber die Sektorverwaltung setzte eine Untersuchung an und fror einige seiner Konten ein. Wichtiger war, dass jeder nun den Preis der Erlaubnis sehen konnte.
Die Antwort kam in derselben Nacht.
Sämtliche bekannten Kontakte Ivos wurden zur Fahndung ausgeschrieben. Leas Klinik verlor ihre Zulassung. Pells Werkstatt wurde durchsucht. Nera erhielt den Befehl, Ivo mit tödlicher Gewalt zu stoppen.
Sie trafen sich ein letztes Mal am Relais Argo, verborgen zwischen den alten Containern.
Nera kam in einem Rettungsboot. Sie trug keine Uniform.
„Dain hat deine biometrischen Daten in jedes System der Sperre geladen“, sagte sie. „Gesicht, Stimme, Bewegungsmuster. Selbst wenn du eine neue Kennung findest, finden sie dich.“
„Dann fliege ich ohne Kennung.“
„Es geht nicht nur um das Schiff.“
Sie gab ihm einen schmalen schwarzen Speicher. Darauf befand sich das Verwaltungszertifikat seiner Identität: Geburt, Ausbildung, Dienstzeit, medizinische Daten, alle Verbindungen. Nera hatte Zugang über die Fahndungsstelle.
„Wenn wir es löschen, verschwindet nicht nur die Suche“, sagte sie. „Deine Lizenz, Konten, Wohnrechte. Offiziell hat Ivo Renn nie existiert.“
Ivo hielt den Speicher zwischen zwei Fingern. Ein ganzes Leben passte auf ein Stück Material, kleiner als Tarins silbernes Siegel.
„Lea?“
„Ich habe ihre Verbindung zu dir als fehlerhafte Zuordnung markiert. Wenn du verschwindest, kann sie ihre Klinik vielleicht zurückbekommen.“
„Und Sera?“
NeraNera sah zur Seite. „Sie wurde heute in ein Transportgefängnis verlegt. Ich kann die Route nicht ändern, ohne aufzufallen. Aber ich kann dafür sorgen, dass eine Tür drei Sekunden zu lange offen bleibt.“
IvoIvo verstand. „Du kommst nicht zurück zur Patrouille.“
„Doch. Jemand muss schlechte Piloten ausbilden.“
Pell schloss den Speicher an die Null an. Die Löschung verlangte eine letzte Bestätigung.
Auf der Konsole erschien Ivos Name.
IVO RENN. PERSONENKENNUNG EYD-441-77. DATENSATZ ENDGÜLTIG ENTFERNEN?
Er dachte an seinen Vater unter der gelben Lampe, an Sana mit den gefalteten Rechnungen, an Lea im Schutzanzug und an Tarins Handabdruck auf der Haube. Ein Name bewahrte nichts davon. Nur Menschen taten es.
Ivo bestätigte.
Die Buchstaben verschwanden.
PellPell zog Tarins Siegel von der Konsole. „Das gehört nicht in ein Schiff, das durchsucht werden kann.“
Er schmolz das Abzeichen in eine schmale Platte ein und befestigte sie unter dem Steuerhebel. Von außen war nichts zu sehen. Ivo spürte das Metall nur, wenn seine Finger den Schub nach vorn drückten.
Pell„Ein Schiff braucht einen Namen“, sagte Pell leise.
„Dieses nicht.“
Sie verbrannten die letzten Registrierungsplatten im Reaktor. Der schwarze Rauch wurde von den Filtern geschluckt. Danach war die Null kein gestohlenes Schiff mehr. Gestohlene Dinge hatten Besitzer und Nummern.
Sie war ein Loch im Register.
Zwei Tage später brach Sera Noll aus einem Gefangenentransport aus. Die offizielle Meldung sprach von einem technischen Fehler an einer Schleuse und einer unbekannten Helferin in einem Rettungsboot.
Ivo erhielt nur eine Nachricht.
JETZT FLIEGST DU.
Er antwortete nicht mit seinem Namen.
Er hatte keinen mehr, den ein Netz verstehen konnte.
Kapitel 11
Das Fieber von Lume
Der Notruf erreichte die Null sieben Jahre nach Tarins Tod.
Ivo war allein an Bord. Pell reparierte auf Meridian einen gebrochenen Schulterantrieb. Sera führte einen Hilfskonvoi jenseits der blauen Grenze. Nera hatte seit Monaten kein Zeichen gesendet.
Die Nachricht war schwach und wiederholte sich alle sechs Minuten.
„Unmarkiertes Schiff, falls Sie uns hören: Hier ist Doktor Ysol Var, Kolonie Lume. Das Karmesin-Fieber breitet sich aus. Einhundertsechsunddreißig bestätigte Fälle, davon einundvierzig Kinder. Unsere Vorräte reichen zwölf Stunden. Die Vesper-Sperre hat den medizinischen Verkehr eingestellt. Bitte sagen Sie uns, dass Sie nahe sind.“
Lume lag hinter dem letzten Grenzmond, in einem System, das Orison erst erschlossen und dann aufgegeben hatte. Die Kolonie förderte kein Erz mehr. Ihre Menschen reparierten alte Solarkollektoren, züchteten Nahrung in flachen Lavahallen und bezahlten Steuern für Patrouillen, die sie nur sahen, wenn jemand etwas beschlagnahmte.
Das Karmesin-Fieber war behandelbar. Ohne Velamycin griff es die Lunge an. Kinder verloren oft innerhalb eines Tages die Fähigkeit, selbstständig zu atmen.
Auf Meridian lagen genügend Dosen.
Der Händler verlangte das Dreifache des üblichen Preises. Ivo bezahlte mit den Erlösen aus einer Lieferung echten Kaffees. Pell lud die Kühlcontainer schweigend in den Frachtraum. Dazu kamen Atemmasken, Infusionsfilter und zwei Kisten unregistriertes Getreide.
Pell„Du fliegst nicht allein“, sagte Pell.
„Du kannst den Arm kaum bewegen.“
„Ich habe noch einen.“
„Und ich brauche dich hier. Wenn ich nicht zurückkomme, gibt es andere Schiffe.“
PellPell schloss den letzten Container an die Kühlung. „Sera hatte recht. Du willst jede Fracht persönlich tragen.“
„Diese kenne ich.“
„Du kennst keine Menschen auf Lume.“
Ivo legte die Hand unter den Steuerhebel. Tarins Siegel war dort nur als leichte Erhebung im Metall zu spüren.
„Doch“, sagte er. „Ich kenne sie.“
Die Vesper-Sperre war inzwischen fast vollständig automatisiert. Das Zollnetz legte silberne Ortungsflächen über jedes registrierte Schiff. Wer eine Kennung sendete, wurde schon am äußeren Relais mit Frachtlisten, Verträgen und Konten abgeglichen. Wer keine sendete, erschien rot.
Ivo war seit Jahren rot.
Die direkte Route nach Lume führte durch drei Kontrollgitter und an zwei Patrouillenplattformen vorbei. Der einzige blinde Korridor lag in einem alten Minenfeld zwischen den Grenzmonden Aster und Vohl. Orison hatte die Minen während eines Arbeitsaufstands gelegt und nach Ende des Konflikts nie vollständig entfernt. Offizielle Karten zeigten nur den äußeren Rand. Ivo besaß eine handgezeichnete Route von Sera.
Sie war neun Jahre alt.
„Unmarkiertes Schiff“, wiederholte Doktor Vars Nachricht. „Das Fieber ist jetzt im Schuldorm. Wenn Sie uns hören, antworten Sie nicht auf offenem Kanal. Die Patrouille überwacht uns.“
Ivo zeichnete eine einzige Linie in die Navigationskarte.
Meridian. Aster. Minenfeld. Vohl. Lume.
PellPell betrachtete sie. „Das ist kein Kurs. Das ist eine Anklage.“
„Kann die Null es schaffen?“
„Der Reaktor ja. Die Kühlung, wenn du keine Treffer kassierst. Der Treibstoff reicht mit acht Prozent Reserve.“
„Und wenn ich durchs Minenfeld muss?“
PellPell sah ihn an. „Dann reicht nichts.“
Vor dem Start nahm Ivo Tarins Sammlung aus dem Versteck. Er hatte die Metallkiste all die Jahre mitgeführt. Die meisten Siegel blieben darin. Eines befestigte er neben der äußeren Schleuse: ein alter schwarzer Kreis von einem Frachter, dessen Namen niemand mehr kannte.
Auf die Rückseite ritzte er zwei Wörter.
KEINE ERLAUBNIS.
Die Null löste sich von Meridian. Ihre Navigationslichter erloschen, noch bevor sie das Dock verlassen hatte. Ivo schaltete den Transponder ab und löschte die temporäre Frachtkennung.
Auf den Netzen blieb für einen Augenblick ein roter Punkt.
Dann war auch er fort.
Kapitel 12
Ohne Nummer
Hinter Ivo lag kein Hafen mehr. Vor ihm lag die Vesper-Sperre.
Die Null glitt ohne Licht durch den Schatten von Aster. Rechts drehten sich die drei Kontrollplattformen wie dunkle Kronen. Ihre Scanner zeichneten silberne Fächer in den Raum. Jedes registrierte Schiff wurde darin sichtbar, hell und gehorsam, eine Nummer neben dem Rumpf.
Ivo hielt die Triebwerke auf Mindestleistung. Im Cockpit leuchteten nur die wichtigsten Anzeigen. Der Frachtraum war kalt. Zweitausend Dosen Velamycin warteten hinter der Wand.
Eine verschlüsselte Stimme brach aus dem Empfänger.
„Unmarkiertes Schiff, das Fieber breitet sich aus. Bitte sagen Sie, dass Sie nahe sind.“
Ivo sendete einen einzelnen Impuls. Keine Worte. Nur die alte Bestätigung des Rettungsdienstes.
Empfangen. Unterwegs.
Das erste Kontrollgitter zog über die Null. Der Metallstaub in den Seitentanks streute das Signal. Für drei Sekunden erschien das Schiff als Ansammlung kleiner Trümmer. Dann korrigierte der Scanner.
Rot flammte auf der Konsole.
ERFASSUNG. UNBEKANNTE KENNUNG.
Ivo schob den Schub nach vorn. Unter seinen Fingern spürte er Tarins Siegel.
Die Null sprang aus dem Schatten.
Hinter Aster erwachte eine Patrouille. Größer als Vesper Drei, mit zwei langen Waffenarmen und einem Ortungskern, der violett durch die Dunkelheit schnitt. Noch bevor das Schiff den Kurs beendet hatte, lag seine Zielerfassung auf Ivos Rumpf.
„Unidentifiziertes Fahrzeug“, sagte eine männliche Stimme. „Schalten Sie die Triebwerke ab und übertragen Sie Ihre Kennung.“
Ivo öffnete den Transponderkanal. Das Feld für die Nummer blieb leer.
„Letzte Warnung.“
Auf der Karte lag der freie Korridor nach Vohl im Norden. Die Patrouille rechnete damit, dass er ihn nahm. Zwei Drohnen lösten sich bereits, um ihn dort einzuschließen.
Ivo drehte nach Süden.
Zum Minenfeld.
Die ersten alten Sprengkörper erschienen als schwache Schatten. Kugeln mit stumpfen Dornen, verbunden durch kaum sichtbare Sensorlinien. Manche trugen noch das rote Licht der Grenzaufsicht. Andere waren kalt und gefährlicher, weil niemand wusste, ob sie schliefen.
„Kursänderung abbrechen“, befahl die Patrouille. Zum ersten Mal klang die Stimme nicht sicher. „Das Gebiet ist vermint.“
Ivo„Das weiß ich“, sagte Ivo, ohne zu senden.
Die handgezeichnete Route von Sera öffnete sich auf der Scheibe. Zwei Minen waren seit ihrer letzten Kartierung gewandert. Eine fehlte. Dafür lag dort ein neues Massesignal.
Die Patrouille blieb am Rand. Ihr Zielsystem hielt die Null fest.
Ivo konnte nicht schneller fliegen. Die Minen reagierten auf Triebwerkswärme und Beschleunigung. Also tat er das Gegenteil.
Er öffnete die Ventile der Seitentanks.
Treibstoff schoss in einem glitzernden Nebel aus der Null. Fast die Hälfte seines Vorrats verteilte sich im Raum. Das Schiff verlor Wärme, Schub und Masse. Ivo schaltete den Reaktor auf Erhaltung, trennte die aktiven Leitungen und ließ die Konsole dunkel werden.
Die Schwerkraft erlosch.
Die Null begann zu treiben.
Von außen war sie ein beschädigtes Wrack, das beim Fluchtversuch in das Minenfeld geraten war. Der ausgestoßene Treibstoff kühlte zwischen den Sprengkörpern ab und erzeugte falsche Echos. Drei Minen drehten sich dem Nebel zu.
Ivo saß reglos im Gurt. Er hörte nur das Ticken des abkühlenden Metalls.
Die Patrouille schickte einen Scannerimpuls.
Er ging durch die Hülle, durch Ivos Körper und über die Kühlcontainer. Pell hatte die Medikamente hinter alten Erzplatten verborgen. Auf dem Bildschirm der Patrouille mussten sie wie kalte Reparaturmasse wirken.
Ein zweiter Impuls folgte.
Dann ein dritter.
Eine Mine trieb so nah am Cockpit vorbei, dass Ivo die eingeschlagenen Serienzeichen auf ihrer Hülle lesen konnte. Sie stammte aus dem Jahr, in dem Tarin geboren worden war.
Die Stimme der Patrouille kam zurück. „Ziel ohne Energie. Wahrscheinlicher Minentreffer. Bergung nicht freigegeben.“
Die Zielmarkierung verschwand.
Das Patrouillenschiff zog weiter. Seine Scanner strichen ein letztes Mal über das Feld und wanderten nach Norden, dorthin, wo jeder vernünftige Schmuggler geflohen wäre.
Ivo wartete.
Eine Minute.
Drei.
Sieben.
Die Null trieb zwischen den Minen hindurch. Ohne Steuerung war jeder Meter eine Entscheidung, die bereits gefallen war. Sera hatte die Route gut gezeichnet. Der Kurs führte an einer kalten Mine vorbei, dann durch die Lücke zwischen zwei gekoppelten Sensoren.
Hinter dem letzten Sprengkörper erschien Vohl. Der Grenzmond war eine schwarze Scheibe vor einem fernen blauen Stern.
Ivo schaltete zuerst die Kühlung ein. Die Container meldeten stabile Temperatur. Dann fuhr er den Reaktor hoch.
Ein tiefes Vibrieren lief durch den Steuerhebel. Die Null erwachte.
Der verbliebene Treibstoff reichte nicht für eine sichere Landung und eine Rückkehr. Ivo berechnete es zweimal. Das Ergebnis blieb gleich.
Er legte den Kurs nach Lume.
Die Kolonie erschien vier Stunden später als Ansammlung schwacher Lichter auf der Nachtseite eines grauen Mondes. Kein Leitstrahl führte zum Hafen. Keine Kennung begrüßte ihn. Die Quarantäne hatte Lume aus den offiziellen Navigationskarten gelöscht.
Doktor Var öffnete einen Kanal. Ihr Gesicht war bleich vor Müdigkeit. Hinter ihr lagen Kinder unter Atemmasken.
„Unmarkiertes Schiff“, sagte sie. „Bestätigen Sie Ihre Fracht.“
„Velamycin. Zweitausend Dosen. Filter und Getreide.“
Sie presste eine Hand vor den Mund. Für einen Moment konnte sie nicht sprechen.
„Wie lautet Ihre Kennung?“
Ivo sah auf das leere Feld des Transponders.
„Ich habe keine.“
„Ihr Name?“
Er dachte an Ivo Renn, an die silberne Uniform, an die Berichte und an einen Jungen, der Schiffssiegel gesammelt hatte.
„Öffnen Sie das Dock“, sagte er.
Die Null landete hart. Der linke Vektor verstummte einen Meter über dem Boden, und das Schiff schlug mit dem Fahrwerk auf. Warnungen füllten die Konsole. Ivo ließ sie laufen.
Als sich die Frachttüren öffneten, warteten keine Käufer.
Ärzte, Pflegekräfte und Menschen in selbst genähten Schutzanzügen standen im Licht der Halle. Dahinter saßen fiebernde Kinder auf Matratzen. Ein kleines Mädchen hielt einen Vogel aus rotem Stoff an die Brust.
Ivo blieb einen Augenblick in der Schleuse stehen.
Dann nahm er die erste Kiste.
Die Menschen bildeten eine Kette. Velamycin wanderte von Hand zu Hand in die Klinik. Niemand prüfte ein Siegel. Niemand fragte nach einer Genehmigung.
Doktor Var fand Ivo neben dem leeren Frachtraum.
„Wir können Ihr Schiff nicht auftanken“, sagte sie. „Die Sperre hat die Reserven blockiert.“
„Ich weiß.“
„Dann kommen Sie nicht zurück.“
Ivo sah durch die offene Tür. Das Mädchen mit dem roten Vogel erhielt gerade eine Injektion. Ihre Mutter hielt ihre Hand.
„Das war nicht Teil der Lieferung“, sagte er.
Var wollte ihm danken. Er hob die Hand.
„Wenn die Patrouille fragt, war kein Schiff hier.“
„Und die Medikamente?“
„Waren schon immer da.“
In der Nacht startete die Null nicht mehr. Ihr Reaktor war leer, ihr Transponder stumm. Ivo saß auf dem Dach der Klinik, während über Lume der blaue Stern aufging. Unter ihm sanken die ersten Fieberkurven.
Auf keiner offiziellen Karte hatte seine Lieferung existiert.
Für die Geretteten war sie alles.
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